Santa-Cruz-Riesenschildkröte, Chelonoidis porteri, ein senderbestückter Schlüpfling auf Santa Cruz – © Stephen Blake

Hennessy - 2020 - 01

Hennessy, E. (2020): Saving Species: The Co-Evolution of Tortoise Taxonomy and Conservation in the Galápagos Islands. – Environmental History 25(2): 263-286.

Die Erhaltung von Arten: Die Co-evolution von Landschildkrötentaxonomie und Erhaltungsbiologie auf den Galápagosinseln.

DOI: 10.1093/envhis/emz104 ➚

Santa-Cruz-Riesenschildkröte, Chelonoidis porteri, – © Stephen Blake
Santa-Cruz-Riesenschildkröte,
Chelonoidis porteri, ein senderbestückter Schlüpfling
auf Santa Cruz
© Stephen Blake

Dieser Artikel erzählt die Geschichten die hinter den Namen von zwei Arten der Galápagos-Riesenschildkröten, Chelonoidis porteri und Chelonoidis donfaustoi stehen die beide die Insel Santa Cruz besiedeln und die bis zum Jahr 2015 als eine Spezies, C. porteri angesehen wurden. Unter der Berücksichtigung eines Multispeziesansatzes, wird aufgezeigt wie sich die taxonomischen Bezeichnungen verändern und zwar in Folge der Co-evolution von Wissenschaftsgeschichte und Erhaltungsbiologie. Walter Rothschild beschrieb diese Schildkrötenevolutionslinie 1903 als Testudo porteri in einer Zeit zu der sich Naturforscher um die zunehmende Seltenheit von Tieren sorgten, die sie sowohl als endemisch wie auch als bedroht einschätzten. Rothschild's Artepithet (Name) ehrte den US Kapitän zur See, David Porter eine der ersten Personen die über die Unterschiede bei den Galápagos-Riesenschildkröten schon in den 1810er Jahren einen Bericht verfasst hatte, da seine Mannschaft damals Tonnen an Schildkröten als lebende Nahrungsvorräte für die Pazifiküberfahrten sammelte. Für Rothschild bedeutete Arterhaltung, dass er sie für sein Museum sammelte und präparierte, um sie für die Wissenschaft zu erhalten und zwar bevor sie alle gegessen worden waren. Ein Jahrhundert später wurden einige der als C. porteri beschriebenen Tiere als C. donfaustoi basierend auf völlig neuen und zu den alten Methoden völlig unterschiedlichen, genetischen Evolutionsstudien neu beschrieben, die auch einen völlig neuen Ansatz für die Erhaltung bedrohter Arten darstellen. Diese Fallstudie hebt hervor wie Natur, Wissenschaft und Erhaltungsbiologie Spezies zu den verschieden geschichtlichen Zeiten „co-produzierten“. Durch die Untersuchung und Betrachtung der sich verändernden Praktiken die zur Definition und Festlegung von Arten verwendet werden liefert dieser Artikel ein Rahmenwerk, anhand dessen sich Umwelt(Natur)historiker auf produktive Art und Weise mit der Wissenschaftsgeschichte und den wissenschaftlichen Techniken auseinandersetzen können, um die Fragen anzugehen – Was sind Spezies, - Wie verändern sie sich und welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Kommentar von H.-J. Bidmon

Nun anhand welcher Kriterien die derzeitige Taxonomie Arten wissenschaftlich beschreibt wurde schon mehrfach kritisch hinterfragt (z. B. Renner, 2016) und auch hier schon diskutiert. Insbesondere, weil diese unterschiedlichen Sichtweisen auch oft den persönlichen Vorlieben oder Einschätzungen sowie Gewichtungen der wissenschaftlichen Daten der beteiligten Taxonomen folgen (z. B. Kehlmaier et al., 2020). Was ich dabei interessant finde ist, dass Hennessy in der vorliegenden Arbeit auf fast zweiduzend (also fast 24 Artkonzepte) verweist. Im Grunde genommen wäre das auch gar nicht so bedeutsam und nur ein Spielfeld für Taxonomen, wenn wir diese Artbeschreibungen nicht so dringlich für den angeblichen Biodiversitätserhalt bräuchten. Allein dabei missfällt mir auch schon der Begriff Art- oder Biodiversitätserhalt, weil das schon wieder von Anfang an mit „Erhalt“ eine statische Betrachtung eines eigentlichen Entwicklungsprozesses impliziert. Insofern hört sich zwar „Schutz von Evolutionslinien“ komplizierter an, käme aber der eigentlich anzustrebenden Vorgehensweise in Bezug auf die natürlich fortschreitenden Prozesse wesentlich näher.
Wenn wir dabei aber anhand von neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen einen Blick auf die Definition von Arten unter Berücksichtigung der Entwicklung von Spezies werfen, dann ergeben sich schon Fragen, die wir im Sinne des Schutzes von Evolutionslinien klären sollten. Denn wie passen solche Beobachtungen wie die einer angeblich schädlichen „Väterlichen-Mitochondrialen-Leckage“ (siehe Vilaça,et al., 2022) mit den zu beobachtenden und rekonstruierten Speziationsprozessen bei etlichen Arten (siehe z.B. Lee et al., 2019) zusammen? Entweder ist es so, dass die beiden Ausgangsarten von Hybriden und deren Nachkommen aus Rückkreuzungen eine solche Leckage nicht zeigen, weil ihr angeblich so artspezifischer Abbau der väterlichen Mitochondrien noch funktioniert - Was wiederum die Frage aufwirft, ob diese Ausgangsarten im eigentlichen Sinne noch gar nicht voneinander getrennt waren und eigentlich nur Unterartstatus erreicht hatten? Denn es gibt ja anscheinend auch mehrere solcher angeblich artspezifischen Reproduktionsbarrieren wie die Ei-Sperma-Fusionsproteine (Dong et al., 2019), Väterliche-mitochondriale-Leckage oder gar geographisch bedingte Lebensraumanpassungen, die dazu führen, dass Hybridisierungen mit langfristig überlebensfähigen Hybridnachkommen eigentlich ausgeschlossen sein sollten und dennoch gibt es diese Nachkommen und der Nobelpreis für Medizin wurde eben auch dafür vergeben, dass nachgewiesen wurde, dass selbst wir Angehörigen der Spezies
Homo sapiens Gene des Neandertalers oder Denisova-Menschen in uns tragen. Auf der anderen Seite scheint es aber auch nicht mehr so zu sein, dass nur geographische Barrieren dazu führen, dass sich die Individuen einer Art über längere Zeiträume hinweg zu zwei unterschiedlichen Arten entwickeln, denn wie kürzlich wieder gezeigt geht das auch ohne solch geographisch oder klimatisch bedingte Aufspaltungen was meist unter dem Begriff „sympatric speciation“ beschrieben wird (z. B. Nevo & Li, 2022). Insofern gibt es also noch etliche ungeklärte Fragen. Deshalb denke ich, dass uns gerade die jüngsten Erkenntnisse zu den populationsspezifischen physiologischen wie auch kognitiven Anpassungen an bestimmte Habitate nahelegen Evolutionslinienschutz nicht nur von einer eher fraglichen „klassischen Artbeschreibung“ abhängig zu machen. Siehe dazu auch den Kommentar zu Kehlmaier et al. (2023).

Literatur

Dong, J., H. Jiang, L. Xiong, J. Zan, J. Liu, M. Yang, K. Zheng, Z. Wang & L. Nie (2019): Detecting coevolution of positively selected in turtles sperm-egg fusion proteins. – Mechanisms of Development 156: 1-7 oder Abstract-Archiv.

Kehlmaier, C., N. A. Albury, D. W. Steadman, E. Graciá, R. Franz & U. Fritz (2021): Ancient mitogenomics elucidates diversity of extinct West Indian tortoises. – Scientific Reports 11(1): 3224 oder Abstract-Archiv.

Kehlmaier, C., E. Graciá, J. R. Ali, P. D. Campbell, S. D. Chapman, V. Deepak, F. Ihlow, N.-E. Jalil, L. Pierre-Huyet, K. E. Samonds, M. Vences & U. Fritz (2023): Ancient DNA elucidates the lost world of western Indian Ocean giant tortoises and reveals a new extinct species from Madagascar. – Science Advances 9(2): eabq2574 oder Abstract-Archiv.

Lee, Y. J.-W. Lin, S.-P. Tseng, T.-S. Chen & S.-M. Lin (2019): Human disturbance as a possible cause of genetic introgression from exotic into native Mauremys turtles. – Animal Conservation 22(6): 556-567 oder Abstract-Archiv.

Nevo, E. & K. Li (2019): Sympatric Speciation in Mole Rats and Wild Barley and Their Genome Repeatome Evolution: A Commentary. – Advanced Genetics 3(4): 2200009; DOI: 10.1002/ggn2.202200009 ➚.

Renner, S. S. (2016): A Return to Linnaeus's Focus on Diagnosis, Not Description: The Use of DNA Characters in the Formal Naming of Species. – Systematic Biology 65(6): 1085-1095 oder Abstract-Archiv.

Vilaça, S. T., F. Maroso, P. Lara, B. de Thoisy, D. Chevallier, L. Souza Arantes, F. R. Santos, G. Bertorelle, C. J. Mazzoni (2022): Evidence of backcross inviability and mitochondrial DNA paternal leakage in sea turtle hybrids. – Molecular Ecology 32(3): 628-643 oder Abstract-Archiv.

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