Daleo, Maris J., Kirk W. Stodola, Thomas J. Benson, Laura A. Adamovicz, Christopher A. Phillips & Matthew C. Allender (2026): Estimating Survival of Eastern Box Turtles (Terrapene carolina carolina) with Mycoplasmopsis sp., Adenovirus, and Herpesvirus Detection in Illinois, USA. – Journal of Wildlife Diseases 62(2): 339-348.
Die Abschätzung der Überlebensrate bei Östlichen Dosenschildkröten (Terrapene carolina carolina) mit Nachweisen von Mycoplasmopsis sp., Adenovirus und Herpesvirus in Illinois, USA.

Terrapene carolina,
© Hans-Jürgen Bidmon
Die Auswirkungen von Gesundheit und Krankheit auf die Populationsdynamik wildlebender Tiere und das Überleben einzelner Individuen sind komplex und noch kaum erforscht, insbesondere bei schwer zu beobachtenden Arten wie Schildkröten. Die Population der Östlichen Dosenschildkröte (Terrapene carolina carolina) geht aufgrund anthropogener und natürlicher Faktoren, darunter auch Krankheiten, zurück, wobei die relative Bedeutung dieser Faktoren für das Überleben einzelner Individuen unbekannt ist. Die Bestimmung der Überlebensraten bei freilebenden Schildkröten ist eine Herausforderung, da die Tiere schwer zu lokalisieren und wieder einzufangen sind, tote Schildkröten schnell von Aasfressern beseitigt werden können und Schildkröten während der Winterruhe unter der Erde versterben können. Ziel dieser Studie war es, die scheinbare Überlebensrate von wildlebenden Östlichen Dosenschildkröten zu schätzen, bei denen häufige krankheitsassoziierte Erreger von Dosenschildkröten nachgewiesen wurden, darunter Terrapene-Herpesvirus 1, Terrapene-Adenovirus und Mycoplasmopsis sp. bei Dosenschildkröten, unter Verwendung von Cormack-Jolly-Seber-Modellen. Wir verwendeten Markierungs-Wiederfang-Daten von 778 Individuen aus fünf Populationen von Dosenschildkröten, die über einen Zeitraum von sieben Jahren (2016–2022) erhoben wurden, gepaart mit gleichzeitig erhobenen demografischen Daten und Daten zur Erkennung von Krankheitserregern mittels quantitativer PCR. Die Schätzungen der scheinbaren Überlebensrate unterschieden sich zwischen den fünf Standorten und lagen zwischen 71 % und 88 %, waren jedoch zwischen den Geschlechtern ähnlich. Wir stellten fest, dass Pathogene, die als Funktion des Überlebens modelliert wurden, einen positiven Effekt hatten; Schildkröten, bei denen ein Pathogen nachgewiesen wurde, hatten eine zwei- bis sechsmal höhere Überlebenschance als solche ohne nachgewiesene Pathogene. Dies könnte jedoch ein Artefakt der hohen, unverzerrten Pathogenprävalenz in Verbindung mit einer relativ geringen Wahrscheinlichkeit des Pathogennachweises durch intermittierende Tests sein. Diese Analyse liefert wichtige Schätzungen zum scheinbaren Überleben der vom Rückgang betroffenen Östlichen Dosenschildkröte sowie wertvolle Informationen über die Wechselwirkung zwischen dem Nachweis von Krankheitserregern und Schätzungen zum individuellen Überleben, die genutzt werden können, um die Faktoren für das Fortbestehen der Population dieser Art besser zu verstehen.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Interessant an dieser Arbeit finde ich die Beobachtung, dass Schildkröten, die mit einem Krankheitserreger infiziert waren, anscheinend eine etwas höhere Überlebenswahrscheinlichkeit haben als die pathogenfreien Individuen. Dieser Befund wird auch ausführlich von den Autoren diskutiert, wobei sie auch hervorheben, dass die bei diesen Populationen erhobene Überlebensrate etwas niedriger liegt als bei solchen aus früheren Studien in anderen Regionen, die auch meist mit anderen Methoden erhoben worden waren. Dabei können dann auch lokalspezifische Parameter wie Umweltveränderungen und forstwirtschaftliche Eingriffe eine Rolle spielen, die sich positiv oder eventuell wie hier negativ auswirken könnten und die Datenlage beeinflussen. Allerdings was bei dieser Studie mit allen anderen Studien fast vergleichbar war, war der Befund, dass beide Geschlechter die gleichen Überlebensraten aufwiesen. Insofern scheinen die hier erhobenen Daten schon eine gewisse Validität aufzuweisen. Eine Möglichkeit, die noch weiter untersucht werden könnte, wäre ja auch der Befund, dass Individuen mit einer latenten, aber überstanden Infektion ein aktiveres Immunsystem aufweisen, welches sich langfristig positiv auswirken könnte. Was allerdings auch überprüft werden sollte bei solchen Erhebungen sind die Auswirkungen auf die Lebensraumnutzung und Agilität der infizierten Individuen, denn wenn sie sich als inaktiver erweisen würden, dann könnte es sein, dass sie bei solchen Fang-Wiederfang-Studien eben im gleichen Gebiet wiederholtermaßen häufiger angetroffen werden. Trotzdem sollte man diesen Befund nicht vernachlässigen, denn auch in der Schildkrötenhaltung erweisen sich ja oft Herpes- oder Mykoplasmen-positive Bestände als durchaus langlebig. Siehe dazu auch Elbers et al., (2017) und Moeller et al. (2025) sowie die weitere Literatur unter den Stichworten Mykoplasmen und Herpes im CS-Archiv.
Literatur
Elbers, J. P., R. W. Clostio & S. S. Taylor (2017): Neutral genetic processes influence MHC evolution in threatened gopher tortoises (Gopherus polyphemus). – Journal of Heredity 108(5): 515-523 oder Abstract-Archiv.
Moeller, Christin A., Saren Perales, Wraith Rodriguez, Alynn M. Martin, Cord B. Eversole, Sandra Rideout-Hanzak, Paul Crump, Clayton D. Hilton & Scott E. Henke (2025): Surveillance of Mycoplasma agassizii in Texas tortoises (Gopherus berlandieri) for translocation with emphasis on treatment and recovery. – Frontiers in Veterinary Science 11: 1525179 oder Abstract-Archiv.
Galerien
Terrapene carolina – Carolina-Dosenschildkröte
