Griechische Landschildkröte, Testudo hermanni boettgeri, Jungtiere – © Hans-Jürgen Bidmon
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Arsovski - 2026 - 01

Arsovski, Dragan, Xavier Bonnet, Ana Golubović & Ljiljana Tomović (2026): Sex Ratio Bias Triggers Demographic Suicide in a Dense Tortoise Population. – Ecology Letters 29(1): e70296.

Eine Geschlechterverschiebung induziert einen demographischen Suizid bei einer sehr dichten Landschildkrötenpopulation.

DOI: 10.1111/ele.70296 ➚

Griechische Landschildkröte, Testudo hermanni boettgeri, – © Hans-Jürgen Bidmon
Griechische Landschildkröte,
Testudo hermanni boettgeri,
© Hans-Jürgen Bidmon

Theoretisch könnte ein unausgewogenes Geschlechterverhältnis bei den Erwachsenen in Verbindung mit einer hohen Populationsdichte in physisch zwanghaften Paarungssystemen ein Massenaussterben auslösen, unabhängig von externen Faktoren wie Prädation oder Lebensraumverlust. Dies wurde jedoch in freier Wildbahn noch nie dokumentiert. In einer außergewöhnlich dichten Inselpopulation von Griechischen Landschildkröten im Prespa-See in Nordmazedonien überwiegt die Zahl der sexuell aktiven Männchen gegenüber den Weibchen dramatisch, wodurch die Weibchen schwere Verletzungen bei der Paarung erleiden und Gefahr laufen, von den steilen Felswänden des Inselplateaus zu stürzen. Die bedrängten Weibchen sind abgemagert, pflanzen sich seltener fort, zeitigen kleinere Gelege und haben im Vergleich zu Weibchen aus einer benachbarten Population auf dem Festland niedrigere jährliche Überlebensraten. Sechzehn Jahre lang gesammelte Fang-Wiederfang-Daten zeigen ein fortdauerndes Aussterben und sagen voraus, dass das letzte Weibchen der Insel im Jahr 2083 sterben wird. Paradoxerweise kann eine hohe Populationsdichte zwar auf eine optimale Ressourcenverfügbarkeit hindeuten, aber bei einem stark verzerrten Geschlechterverhältnis der Erwachsenen in einem zwanghaften Paarungssystem zum Zusammenbruch der Population führen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Diese Beobachtung ist sehr interessant, und es wäre sicherlich auch interessant zu untersuchen warum sich diese Population so entwickelte. Sind es die Insel-spezifischen klimatischen Bedingungen die zu diesem extremen Männchenüberschuss führte oder gab es auf dieser Insel auch Introgressionsereignisse wie es für eine Testudo graeca Population bekannt wurde (Graciá et al., 2017)? Zudem wäre es auch von Interesse zu beobachten wie sich das Geschlechterverhältnis bei den derzeitigen Gelegen verhält, denn die könnten ja auch schon vom Klimawandel beeinflusst werden. Hier wäre es dann, aber interessant auch mal den Alterungsprozess, sowie die durchschnittliche Überlebensrate bei den adulten Männchen zu bestimmen, um in etwa Voraussagen darüber zu treffen, ab wann damit zu rechnen wäre, dass die fortschreitende Klimaerwärmung dazu beitragen könnte für ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis zu sorgen, oder wäre das völlig auszuschließen, da selbst die jungen Männchen zudem immer früher geschlechtsreif wären als die Weibchen, was dazu beitragen könnte, dass die Reduzierung der adulten Männchen sehr lange dauern würde. Es sei denn, die älteren Männchen würden zudem auch durch exzessive Paarungsversuche bei den Jungmännchen dafür sorgen, dass sie früh versterben oder sich nur sehr verzögert entwickeln. Siehe dazu auch Bonnet et al., (2016) und den dortigen Kommentar.

Literatur

Bonnet, X., A. Golubović, D. Arsovski, S. Nikolić, J.-M. Ballouard, S. Bogoljub, R. Ajtic, C. Barbraud & L. Tomović (2016): A prison effect in a wild population: a scarcity of females induces homosexual behaviors in males. – Behavioral Ecology 27(4): 1206-1215 oder Abstract-Archiv.

Graciá, E., R. C. Rodríguez-Caro, A. C. Andreu, U. Fritz, A. Giménez & F. Botella (2017): Human-mediated secondary contact of two tortoise lineages results in sex-biased introgression. – Scientific Reports 7(1): 4019 oder Abstract-Archiv.

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