Amerikanische Sumpfschildkröte, Emydoidea blandingii, ein Jungtier – © James Harding

Auge - 2023 - 01

Auge, A.-C., G. Blouin-Demers, C. T. Hasler & D. Murray (2023): Demographic evidence that development is not compatible with sustainability in semi‐urban freshwater turtles. – Animal Conservation 27(2): 253-266.

Demographische Nachweise, die zeigen, dass Landentwicklung nicht mit der Erhaltung von semiurbanen Süßwasserschildkrötenbeständen vereinbar ist.

DOI: 10.1111/acv.12903 ➚

Amerikanische Sumpfschildkröte, Emydoidea blandingii, – © James Harding
Amerikanische Sumpfschildkröte,
Emydoidea blandingii,
© James Harding

Das Ausbalancieren von Stadtentwicklungsplanung und der langfristigen Umwelterhaltung geht mit großen Schwierigkeiten einher, die zunehmend ins Bewusstsein rücken, wenn es um Planungsentscheidungen geht. Stadtentwicklungsvorhaben werden häufig unter der Erwartung, dass sich keine zerstörerischen Auswirkungen auf die heimischen Tierarten ergeben genehmigt, aber diese Annahmen werden nur selten über einen relevanten Zeitverlauf hin ausreichend überprüft, um sicherzustellen, dass diese Annahmen auch für langlebige bedrohte Arten zutreffen. Wir überwachten die Veränderungen in der Habitatverfügbarkeit von Blanding's Sumpfschildkröten (Emydoidea blandingii) und deren Demographie über einen Zeitraum von 10 Jahren in der Nähe von Ottawa, ON, Kanada, um herauszufinden ob die Stadtentwicklung in Assoziation mit den Habitaterhaltungsplanungen ausreichen, um das Langzeitüberleben der Schildkrötenpopulation zu gewährleisten. Das geeignete Habitat für die Schildkröten verringerte sich während der Untersuchungszeit um 10 % und die Verbindungskorridore zwischen den Feuchtgebieten gingen fast vollständig verloren. Dieser Habitatverlust ging einher mit einem gleichzeitigen Rückgang bei der Überlebensfähigkeit von adulten Schildkröten, was sich in einem Rückgang bei der Populationsgröße um 70 % zeigte. Bei den adulten Weibchen zeigten sich die deutlichsten Verluste und obwohl man Schutzzäune und Untertunnelungen zur Genehmigungsbedingung bei der Stadtentwicklungsplanung gemacht hatte erwies sich der Straßentod als wahrscheinlichste Ursache für diesen Populationsrückgang. Populationsüberlebensberechnungen zeigten, dass etwa 4 Verluste an adulten Weibchen pro Jahr durch Straßentod (bei einer Ausgangspopulation von 56 Weibchen) ausreichen, um den bei unserer Untersuchungspopulation festgestellten Populationsrückgang zu erklären. Unter diesen Voraussetzungen wird die Population bei einem Quasi-Ausrottungsgrenzwert von (-4 Weibchen) in weniger als einem Jahrzehnt erloschen sein. Anhand dieser Daten gehen wir davon aus, dass in unserem Studienareal die genehmigte Stadtentwicklungsplanung nicht vereinbar mit der Erhaltung der Populationsüberlebensfähigkeit war. Unsere Befunde legen nahe, dass genehmigte Stadtentwicklungspläne, die auch im Einklang mit anscheinend ausreichenden Schutzmaßnahmen für die bedrohten Arten sein sollen, sich als inadäquat erweisen eine Aufrechterhaltung der Populationen zu gewährleisten. Wir folgern daraus, dass wenn der Erhaltung der Umweltbedingungen eine Priorität zukommen soll, dann müssen Flächen die von bedrohten Spezies besiedelt werden wesentlich stringenter bei der Planung, dem Genehmigungsverfahren sowie bei der korrekten Implementierungsphase berücksichtigt werden.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Nun, diese Problematik kennen wir weltweit und auch hierzulande nur zu gut, denn auch hier verhindern die gut gemeinten Amphibienschutzzäune das Überfahrenwerden von wandernden Tieren nicht ganz. Letzteres verzögert dann zwar die Populationsrückgänge, verhindert sie aber langfristig nicht. Zudem spielt bei solchen Projekten auch der Faktor Mensch eine entscheidende Rolle, denn vielerorts sind es nicht nur die Planungen von Baumaßnahmen, die die Populationen bedrohen. Wie ich selbst bei meinen Wanderungen im Allgäu feststellen durfte, bin ich auf so manche Alpensalamander-Population in jüngerer Zeit erst dadurch aufmerksam geworden, weil Mountainbiker auf den Wanderwegen und Pfaden dafür sorgten, dass man an den entsprechenden Wegabschnitten genug überfahrene Exemplare nicht übersehen konnte. An solchen Beispielen zeigt sich eigentlich, dass selbst Landschaftsplaner nicht alles berücksichtigen können, denn wie sich zum Beispiel das Freizeitverhalten und die neuen Sporttrends zukünftig weiterentwickeln, hatten selbst diejenigen die vielleicht vor Jahrzehnten diese Gebiete für den Tourismus erschlossen hatten noch gar keine Ahnung. Ja, selbst manche Jugendliche mögen sogar Spaß daran haben, mal ein lebendes Ziel zu treffen oder zu überfahren.

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