Cassano, María Julia & Leandro Alcalde (2026): Investigating the Chaco Side-Necked Turtle: Insights into the Argentine Populations of Acanthochelys pallidipectoris (Chelidae). – Chelonian Conservation and Biology 25(1): 67-85.
Die Erforschung der Chaco Halswender Schildkröte: Erkenntnise zu den argentinischen Populationen von Acanthochelys pallidipectoris (Chelidae).
DOI: 10.2744/CCB-1676.1 (externer Link)

Acanthochelys pallidipectoris,
© Thomas Vinke
Diese Forschung trägt zum ökologischen Wissen über Acanthochelys pallidipectoris bei und bildet eine Grundlage für die Überwachung ihrer Populationen sowie für die Entwicklung künftiger Schutzmaßnahmen für die Art und ihren Lebensraum, den Chaco-Wald. Die Ergebnisse basieren auf sechs Feldexpeditionen, die wir im Frühjahr und Sommer der Jahre 2016 bis 2020 an verschiedenen Standorten innerhalb des Verbreitungsgebiets der Art in Argentinien durchgeführt haben. Wir suchten tagsüber aktiv nach Schildkröten, wobei wir je nach Umgebung Ansätze vom Typ „Stichprobe“ oder „Bestandserhebung“ verwendeten und zwei Techniken kombinierten: Schleppnetze und aktive Suche (visuell und durch Aufwühlen des Schlamms). Insgesamt wurden 90 Individuen gefangen, davon 68 in natürlichen und künstlichen Gewässern (Trockener Chaco von Salta, plus 9 Wiederfänge) und 22 in überschwemmten Waldgebieten (Feuchter Chaco von Santa Fe, plus 1 Wiederfang). Infolgedessen stieg durch die Einbeziehung unserer neuen Berichte und die Formalisierung unveröffentlichter Nachweise aus verschiedenen Quellen die Anzahl der bekannten Standorte in Argentinien, ohne dass es zu einer Ausdehnung des Verbreitungsgebiets kam (39 zusätzliche Nachweise, derzeit 77 bekannte Standorte). Wir stellten fest, dass die Lebensraumauswahl der Art (halbpermanente Tümpel im Trocken-Chaco gegenüber einer Matrix aus überschwemmten Waldgebieten im Feucht-Chaco) offenbar durch das Vorkommen und die Abundanz von zwei Kaimanarten (Caiman latirostris und Caiman yacare) beeinflusst wird. Der Lebensraum in beiden Ökoregionen erfordert eine native Waldformation in der Umweltmatrix, obwohl die Art eine erhebliche Fragmentierung toleriert. In allen untersuchten Populationen überwogen adulte Tiere, wobei weder bei der Größe noch bei den Oberschenkelknubben ein Geschlechtsdimorphismus festzustellen war und keine signifikanten Abweichungen vom Geschlechterverhältnis 1:1 auftraten. Die Nahrung der Art bestand aus Wirbellosen (insbesondere aquatischen und terrestrischen Arthropoden sowie Schnecken, Kaulquappen und ausgewachsenen Fröschen). Zwar wiesen Populationen sowohl aus dem trockenen Chaco als auch aus dem feuchten Chaco viele Gemeinsamkeiten auf, doch deuteten die Analysen auf leicht unterschiedliche trophische Strategien zwischen den Populationen hin. Acanthochelys pallidipectoris teilt sich manchmal Lebensraum und Beute mit Kinosternon s. scorpioides, doch bei Koexistenz war erstere Art stets häufiger anzutreffen, und beide weisen eine geringe Nischenüberlappung auf.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Diese Arbeit beschreibt zwar eine Zunahme an Standorten für diese Art, die aber wohl mit Vorsicht zu interpretieren ist, da die Art sehr stark von den sehr häufig lokal auftretenden Regenfällen abhängig ist. Letzteres lässt sich auch aus der niedrigen Anzahl gefangener oder aufgefundener Individuen erkennen, die saisonbedingt diese oft kleinräumigen Lebensräume besiedeln. Wenn man von den 90 Fängen die 10 Wiederfänge abzieht, deuten die Daten bei einem 1:1 Geschlechterverhältnis an, dass man nur noch 40 Weibchen und 40 Männchen für Argentinien nachweisen konnte. Diese Art gehört auch zu jenen, die durch den Klimawandel extrem bedroht wird und deren Vorkommen im trockenen paraguayischen Chaco während der letzten Jahre so stark abgenommen haben, dass sie fast als erloschen angesehen werden können. Insofern sollte man auch hier berücksichtigen, dass diese Bestandserfassungen zumindest schon 6-10 Jahre alt sind und eigentlich wiederholt werden müssten, um eine einigermaßen valide Einschätzung der noch vorhandenen Bestände zu gewährleisten (Vinke & Vinke, 2016). Insofern scheint Acanthochelys pallidipectoris Bestände genauso bedroht zu sein, wie es gerade jüngst für die mexikanischen Bestände von Kinosternon vogti und K. cora beschrieben wurde (Loc-Barragán & Castro-Bastidas, 2026; Loc-Barragán et al; 2020; 2026). Auch dabei wird deutlich, welche Rolle auch der legale Handel zur Bedrohung werden kann, denn selbst hierzulande scheinen ja solch bedrohte Exemplare schon gehalten zu werden, die vielleicht vor der Neubeschreibung noch legal eingeführt wurden. Hier scheiden sich dann auch die Geister, denn wenn man bedenkt, dass es in manchen Ländern dieser Erde durchaus berechtigte Zweifel gibt ob ein adäquater Schutz der Bestände zu gewährleisten ist bieten solche Haltungen zumindest kurzfristig Überlebenschancen, die manchmal auch längerfristige Perspektiven nach sich ziehen wie z. B. im IZS des Allwetterzoos in Münster (Bidmon, 2024).
Literatur
Bidmon, H.-J. (2024): 20 Jahre IZS im Allwetterzoo Münster und das 3. Meiersymposium vom 3. – 5. Mai 2024 - Artikel-Archiv.
Loc-Barragán, Jesús A. & Héctor Alexis Castro-Bastidas (2026): Potential distribution of Kinosternon cora (Testudines: Kinosternidae) and implications for its conservation. – Acta Zoológica Lilloana 69(2): 795-814 oder im Abstract-Archiv.
Loc-Barragán, Jesús A., Guillermo A. Woolrich-Piña, Marco A. López-Luna & John B. Iverson (2026): Kinosternon cora. – The IUCN Red List of Threatened Species 2026: e.T218361304A218361309 oder im Abstract-Archiv.
Loc-Barragán, Jesús A., Jacobo Reyes-Velasco, Guillermo A. Woolrich-Piña, Christoph I. Grünwald, Myriam Venegas de Anaya, Judith A. Rangel-Mendoza & Marco A. López-Luna (2020): A New Species of Mud Turtle of Genus Kinosternon (Testudines: Kinosternidae) from the Pacific Coastal Plain of Northwestern Mexico. – Zootaxa 4885(4): 509-529 oder im Abstract-Archiv.
Vinke, T. & S. Vinke (2016): Acanthochelys pallidipectoris. – The IUCN Red List of Threatened Species 2016: e.T75A3139283 oder im Abstract-Archiv.
Galerien
Acanthochelys pallidipectoris – Chaco-Sumpfschildkröte