Santori - 2021 - 01

Santori, C., R. J. Spencer, M. B. Thompson, C. M. Whittington & J. U. Van Dyke (2021): Hatchling short-necked turtles (Emydura macquarii) select aquatic vegetation habitats, but not after one month in captivity. – Aquatic Ecology Early Access.

Die Schlüpflinge der Breitrand-Spitzkopfschildkröte (Emydura macquarii) wählen Habitate mit Wasserpflanzen, aber das tun sie nach einem Monat in Gefangenschaftshaltung nicht mehr.

DOI: 10.1007/s10452-020-09813-6 ➚

Breitrand-Spitzkopfschildkröte, Emydura macquarii, – © Bruce C. Chessman
Breitrand-Spitzkopfschildkröte,
Emydura macquarii,
© Bruce C. Chessman

Das Wissen über die Ökologie von Schildkrötenschlüpflingen ist eine wichtige Grundlage für das Management wildlebender Populationen. Die Informationen zur Habitatauswahl von Schildkrötenschlüpflingen ist deshalb von besonderer Wichtigkeit, weil man nur damit sicherstellen kann, dass man bei Arterhaltungsmaßnahmen die auszuwildernden Schlüpflinge auch dort in die Freiheit entlässt, wo sie die besten Überlebenschancen bis zum Adultstadium haben. Derzeit ist das Wissen über die Ökologie von Schildkrötenschlüpflingen weltweit nur in sehr beschränkten Umfang bekannt, was ein auf wissenschaftlichen Beweisen basierendes Management für bedrohte Spezies nur unzureichend gewährleistet. Hier benutzten wir Labor- sowie Freilandexperimente um zu testen welche Auswirkungen eine Anzucht in menschlicher Obhut auf die natürliche Habitatauswahl sowie auf die Bewegungsmuster hat und welche Auswirkungen sich für das Kurzzeitüberleben in Freiheit für die Schlüpflinge der Breitrand-Spitzkopfschildkröte (Emydura macquarii) dadurch abzeichnen. Diese Spezies hat seit 1970 einen um mehr als 60 %igen Bestandsrückgang erfahren und ein Erhaltungsmanagementplan ist dringend notwendig, um eine Bestandserholung zu gewährleisten. Sowohl bei den Laborexperimenten wie auch bei den Freilandexperimenten beobachteten wir, dass die Schlüpflinge direkt nach dem Schlupf Stellen die mit Wasserpflanzen bedeckt bzw. bewachsen sind aufsuchen, wenn solche z. B. unter Laborbedingungen verfügbar sind. Im Gegensatz dazu zeigte sich bei Schlüpflingen die für einen Monat im Labor aufgezogen wurden und dann in einem Gewässerbreich der etwas entfernt von den Wasserpflanzenbeständen war ausgewildert und mit der Radiotelemetrie überwacht wurden, dass über 3 Mal mehr dieser Schlüpflinge von Beutegreifern attackiert wurden als jene die direkt nach dem Schlupf ausgewildert worden waren und die sofort die Wasserpflanzenbestände aufsuchten. Dichte Wasserpflanzenbestände stellen daher ein wichtiges Habitat für die Schlüpflinge von E. macquarii dar und deshalb sollten die Erhaltungsmaßnahmen für Schlüpflinge Regionen mit optimalem Wasserpflanzenbewuchs sicherstellen und zum zweiten sollte dort, wo es notwendig ist die Priorität auf die Wiederherstellung einer optimalen Wasserpflanzenbedeckung gelegt werden um sicherzustellen, dass die Schlüpflinge von E. macquarii in der Wildnis überleben können. Zudem sollte man, da es sich gezeigt hat, dass die Gefangenschaftshaltung die Habitatauswahl der E. macquarii Schlüpflinge negativ beeinflusst, die Schlüpflinge direkt nach dem Schlupf auswildern. Zukünftige Untersuchungen in Bezug auf langsame geschützte Auswilderungsmethoden bei den für längere Zeit in Gefangenschaft aufgezogenen Schlüpflinge sind erforderlich, um herauszufinden ob diese negativen Auswirkungen der artifiziellen Anzucht damit abgemildert werden können.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Dies ist wieder einmal eine Studie die aufhorchen lässt und vielem widerspricht was man so landläufig annimmt. Sicher diese Studienergebnisse könnten auch dahingehend beeinträchtigt sein, dass die für einen Monat im Labor aufgezogenen Schlüpflinge es verlernt haben auf Beutegreifer zu achten und sich deshalb nicht sofort auf die Suche nach Deckung begeben. Aber letzteres dürfte wohl für viele der sogenannten Headstart-Programme zutreffen. Nichtsdestotrotz ist es doch interessant zu sehen, dass die frischgeschlüpften Schlüpflinge sofort (instinktiv) nach Deckung in Wasserpflanzenbeständen suchen und dass man eventuell den Überlebenserfolg auch dadurch steigern könnte, dass man schon bei der Headstart-Aufzucht auf eine entsprechende natürliche Bepflanzung mit möglichst geringer Konditionierung auf durch Pfleger verabreichtes Futter achtet, um diesen natürlichen Schutzinstinkt aufrecht zu erhalten. Aber selbst dann müsste man auch erst untersuchen, ob solche Jungschildkröten noch in der Lage sind dieses Aufsuchen von schützenden Pflanzenbeständen neu zu erlernen. Wie die Arbeiten von Roth & Krochmal (2015) und Roth et al., (2019) gezeigt haben können solche Lernphasen auch nur in gewissen Zeitfenstern während der Entwicklung realisiert werden und für die meisten Arten oder gar ortsständigen Populationen ist bis heute völlig unbekannt ob und wenn welche Rolle sie spielen und wie deren zeitliche Festlegung während Entwicklung vorgegeben ist. Wir kennen ja alle das Phänomen, dass solche artifiziell im Aquarium aufgezogenen Schlüpflinge sehr schnell das Betteln um Futter durch den Pfleger/in lernen und ihre natürliche Angst verlieren. Letzteres trifft wohl auch auf Landschildkröten zu wie es auch schon von Currylow et al. (2017) für wiederausgewilderte Jungtiere von Asterochelys yniphora erwähnt wurde.

Literatur

Currylow, A. F. T., A. Mandimbihasina, P. Gibbons, E. Bekarany, C. B. Stanford, E. E. Louis Jr. & D. E. Crocker (2017): Comparative ecophysiology of a critically endangered (CR) ectotherm: Implications for conservation management. – PLoS One 12(8): e0182004 oder Abstract-Archiv.

Roth, T. C. II & A. R. Krochmal (2015): The Role of Age-Specific Learning and Experience for Turtles Navigating a Changing Landscape. – Current Biology 25(3): 333-337 oder Abstract-Archiv.

Roth II, T. C., A. R. Krochmal & L. D. LaDage (2019): Reptilian Cognition: A More Complex Picture via Integration of Neurological Mechanisms, Behavioral Constraints, and Evolutionary Context. – Bioessays 41(8): e1900033 oder Abstract-Archiv.

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