Chaves - 2020 - 01

Chaves, W. A., D. Valle, A. S. Tavares, T. Q. Morcatty & D. S. Wilcove (2020): Impacts of rural to urban migration, urbanization, and generational change on consumption of wild animals in the Amazon. – Conservation Biology: Early View.

Der Einfluss der Abwanderung aus ländlichen Regionen in die Städte, die Verstädterung und der generelle Wandel beim Wildfleischverzehr in Amazonien.

DOI: 10.1111/cobi.13663 ➚

Reste eines Schildkrötenmahls in Bulgarien. – © Georgi Popgeorgiev
Reste eines Schildkrötenmahls in Bulgarien.
© Georgi Popgeorgiev

Erstmals in der Geschichte leben mehr Leute in urbanen Regionen als in ländlichen Gebieten und es gilt als sehr wahrscheinlich, dass dieser Trend durch die Abwanderung aus den ruralen Landesteilen weiter zunimmt. Wir untersuchten wie sich diese Abwanderung in Kombination mit der zunehmenden Verstädterung und dem Generationenwandel auf den Wildfleischkonsum auswirkt indem wir uns auf eine der am häufigsten bejagten Arten in Amazonien die Schildkröten (Land- und Wasserschildkröten) fokussierten. Wir erfassten dazu 1356 Haushalte und 2776 Schulkinder in 10 urbanen Regionen im brasilianischen Amazonas (sechs kleinere Städte, drei größere Städte und Manaus die größte Stadt im Amazonasbecken), wobei wir eine randomisierte Antworttechnik und anonyme Fragebögen einsetzten. Der Bedarf an Wildtierfleisch war in den Städten alarmierend hoch wobei konservative Abschätzungen von ungefähr 1,7 Millionen Wasser- und Landschildkröten die jährlich in Amazonien verzehrt werden ausgehen. Allerdings zeigte sich, dass der Wildtierfleischverzehr mit der Größenzunahme der Städte und zwischen den Generationen (Erwachsene versus Kinder) absank. Zudem zeigte sich, dass je länger die Migranten aus den ländlichen Regionen in den Städten lebten desto geringer wurde ihr Wildtierfleischverzehr. Diese Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass es sich bei dem Wildtierfleischverzehr um eine Tradition bei den aus ländlichen Gebieten stammenden Stadtbewohnern handelt, die mit zunehmender Verstädterung über die Zeit die die Leute in der Stadt leben abnimmt. Derzeitige Erhaltungsbemühungen in Amazonien berücksichtigen den urbanen Bedarf an Wildtierfleisch nicht und sind deshalb unzureichend um ein Überleben dieser stark gehandelten Arten im Hinblick auf die Zuwanderung in die Städte und im Hinblick auf den Bevölkerungszuwachs zu garantieren. Unsere Befunde zeigen, dass Erhaltungsmaßnahmen sich auf den Wildtierfleischverbrauch in den Städten fokussieren sollten und dabei insbesondere junge Leute und die Neuzuwanderer ins Auge fassen müssen. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der Verzehr von Wildtieren in den Städten unvertretbar hoch ist und dass sich zeigt, dass er mit der Zeit und zwischen den Generationen langsam abnimmt.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Nun hier wird eigentlich sehr schön beschrieben wie sich der Wildtierfleischverzehr in den Städten entwickelt, wobei wir, wenn wir auf die zeitliche Abfolge schauen immer wieder die gleichen Trends beobachten können, die wir auch schon in Europa beobachten konnten. Zum Beispiel dort wo Schildkrötenessen bei der Landbevölkerung normal war wie z. B. in Bulgarien oder Rumänien gab es auch eine Phase des Übergangs in der diese Tradition sogar in einigen Restaurants in den Städten fortgeführt wurde wo Schildkröten sogar als Delikatesse galten. Letzteres wurde, wenn auch nicht sofort, aber dann doch recht schnell beendet als diese Länder der EU beitraten, was aber auch heute noch nicht heißt, dass in den abgelegenen ländlichen Regionen oder von einigen bestimmten Volksgruppen keine Schildkröten mehr gegessen werden. Gleiches beobachten wir in vielen Ländern Asiens und Afrikas. Ja und selbst bei uns in Deutschland hat sich nach dem Krieg bis heute der Fleischverzehr gewandelt und vieles was früher auf dem Land in Bezug auf das Nutztiereschlachten und den Verzehr als normal anzusehen war gilt heute bei der „modernen“ oder jugendlichen Stadtbevölkerung als verpönt, unhygienisch und vielleicht sogar als abstoßend. Aber auch hier sollten wir nicht vergessen, dass es eben ein bis drei Generationen brauchte bis solche Ernährungstraditionen durch neue Ernährungsweisen abgelöst werden. Bedauerlich ist dabei nur, dass in den Regionen wie in der obigen Arbeit angeführt die Zeit nicht mehr ausreicht um auf einen gesellschaftlichen Wandel in den Städten zu warten, denn bis dahin dürften betroffenen Arten erloschen sein, wenn es zu keinen radikalen Schutzmaßnahmen kommt. Die Frage ist nur wie realistisch solche Maßnahmen sein können, wenn eine einzige Präsidentenwahl wie in Brasilien in so kurzer Zeit zu so viel Lebensraumzerstörung führt? Ja und was machen wir daraus? Vielleicht noch ein werbewirksames Geschäft, bei angeblich jeder getrunkene „Kasten Krombacher“ ein bisschen Regenwald rettet. Ist es damit wirklich schon Getan?

Literatur

Hier wächst der Krombacher-Regenwald heute heran➚. Stand: 16.10.2019.

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